Fimmvörðuháls – Mein Weg zur Schneekönigin

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Heute erfahrt ihr was auf der einprägsamsten Tour meines gesamten Islandtrips passiert ist. Die Geschichte steht hier ein wenig außerhalb der eigentlichen Chronologie nach dem Motto: das Beste zuerst! Es war die einprägsamste und erfüllendste Tour auf Grund der bis zum Schluss andauernden Ungewissheit ob sie denn von Erfolg gekrönt sein würde. Wo es hin ging und ob ich mein Ziel erreicht habe, steht in diesem Blogeintrag.

Als ich unzählige Male die vor mir ausgebreitete Karte von Südisland studierte, viel mir die ganze Zeit das Gebiet auf, welches genau zwischen den zwei Gletschern Mýrdalsjökull und Eyjafjallajökull liegt. Bei einer weiteren Recherche stellte sich heraus, dass dort im Sommer der stark begangene und extrem anspruchsvolle Pfad vom Skógar nach Þórsmörk zwischen den beiden Gletschern hindurch über das Hochplateau und den über 1000 m hohen Kamm der Fimmvörðuháls führt. Im Sommer recht überlaufen, verirrt sich im Winter aus gutem Grund dort hinauf niemand, da das eh schon unberechenbare isländische Wetter dort auf dem Kamm auf 1000 m schon mal recht unfreundlich werden kann, um es einmal gelinde zu formulieren. Auch Ingvar, Karinas Mann, sagte später, dass er dort schon bei einigen Rettungsaktionen beteiligt gewesen sei.

Mein Plan stand da aber schon fest. Mit zweifelndem, mir aber auf Grund meiner anderen Aktionen vertrauendem Blick sagte Karina zu mir, wenn ich nicht ich wäre, würde sie mich nicht gehen lassen. Da ich ja immer noch einen draufsetzten muss, war der Plan die Strecke in einem Tag nun im Winter durchzuziehen, welche die Sommeraspiranten stellenweise auf zwei Tage verteilen und auf der Hütte auf dem Grat übernachten.  Ich würde aber keine Überschreitung nach Þórsmörk machen, sondern versuchen mit meinen Ski bis auf den Kamm zu gelangen, welcher genau in der Streckenhälfte liegt, die Aussicht genießen und dann am selben Tag wieder zum Ausgangspunkt abzufahren. Der Grund war, dass eine Rückkehr aus dem Tal von Þórsmörk im Winter bei ungewissen Wasserquerungen mehr als problematisch sein könnte und ganz übertreiben wollte ich es dann nun auch nicht. Die Hütte auf dem Kamm war zudem nach Erkundigung beim Utivist zugesperrt (Anm.: Utivist = Wandervereinigung von Island). Also würde ich zwangsweise wieder runter müssen, um nicht dort oben zu zelten. Die Strecke würde sich auf etwa 29 Kilometer belaufen. Mein Joker sollte die Verwendung meiner Backcountryski werden, eine Mischung aus Langlauf- und Tourenski. Diese sind breitere Ski mit Stahlkanten und verstärkter Langlaufbindung, die somit bedingt abfahrtstauglich sind. Wie die Eignung des Geländes für die Ski wäre, was für Schneeverhältnisse herrschten und ob ich mit meinen Ski abfahren würde könnte oder ob ich sie auf Grund der Steilheit wieder in Tal zurückschleppen würde? – keiner konnte es mir beantworten.

Wovon ich rede verdeutlicht die Karte in der die Route eingezeichnet ist. Hin und zurück belaufen sich auf 29 Km.

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Da mit dieser Nummer im Alleingang echt nicht zu spaßen war, wartete ich auch fast 14 Tage auf ein Schönwetterfenster, insoweit man überhaupt in Island von einem stabilen Wetterfenster sprechen kann.

Irgendwann war es dann da, das Schönwetterfenster und es ging früh um 7 Uhr los mit der 30-minütigen Anfahrt zum Skógafoss Wasserfall, noch von Dunkelheit begleitet. Dort war ich dann der einzige am frühen Morgen, wo sonst buslandungsweise die Leute ausgekippt werden.

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Es ging die Stahltreppen empor zum Wasserfallkopf von wo es los ging in Richtung Plateau und Kamm zwischen den beiden Gletschern. Zu Beginn hatte ich noch meine Ski am Rucksack. Am Anfang waren noch jede Menge Spuren von neugierigen Wasserfallbesuchern vorhanden. An dem ersten geländeeinschneidenden Seitenzufluss zum Skógá mit dort zu überwindender Schneewechte wurden die Spuren schlagartig zählbar. Im sich anschließenden Tiefschnee schrumpften sie dann komplett auf 2 Fußspuren zusammen. Ich wechselte die Schuhe und sohlte um von Bergschuhe auf Skischuhe und schnallte die Ski an. Ich war nicht mit Skischuhen losgegangen, da dort die Steigeisen nicht dranpassen und ich nicht wusste, wie steil und vereist es werden würde und ob ich Steigeisen brauchen würde.

Es ging immer weiter dem Skógá folgend über extrem stark vereiste Schneefelder und vom Wind freigeblasene Lavaflächen das Plateau hinauf . Die zwei hin und wieder meinen Weg kreuzenden Spuren waren schon sehr alt, da diese erhaben auf den vereisten Schneeflächen thronten. Dies entsteht, wenn man auf frischem Schnee geht, diesen verdichtet und der restliche Schnee herum Stück für Stück vom Wind verfrachtet wird. Ich kam dank der Ski gut voran, begleitet von der langsam über den Horizont blinzelnden Sonne und unter sukzessive aufklarendem Himmel.

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An einigen steilen Stücken war auch Abschnallen und Hochstapfen angesagt und stellenweise gestaltete sich die Richtungsfindung nicht einfach.

In der Mitte der Aufstiegsstrecke erreichte ich dann die Brücke über den Skógá, welche im Winter so aussieht wie auf den folgenden Fotos und bei welcher ich mir dachte: „was macht die Brücke hier für einen Sinn?“ Dies war ein Paradebeispiel für die geländeeinebnende Wirkung des Zusammenspiels von Schnee und Wind.

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Im Sommer sieht die ganze Sache hier nämlich so aus. Ich musste auch zweimal hinsehen um es zu glauben. Danke Crystal für die Verwendungsrechte des Fotos.

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Dort war ich mir immer noch nicht sicher ob ich es aus Sicht der Zeit und der Kraft schaffen würde, da auf dem vereisten Untergrund die Ski greifend aufzusetzen um nicht hin und herzurutschen extrem anstrengend war.

Kurz nach Mittag kamen dann die erste Hütte und versetzt dahinter die Zweite auf dem Kamm in Sicht. Wer gut ist, sieht beide auf den folgenden Fotos. Von den 2 Fußspuren die mich lange Zeit sporadisch begleitet hatten, war nun hier endgültig nichts mehr zu sehen.

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An der ersten, noch „normal“ aussehenden Hütte, die im Winter auch verlassen und verriegelt ist, gönnte ich mir dann meine mitgebrachte, am morgen gebacken Waffel die vorzüglich schmeckte. Was ich mit normal aussehender Hütte meine, versteht ihr gleich.

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Der Kamm war mittlerweile zum Greifen nahe! Um die Abfahrt und damit verbundene Zeit machte ich mir keine Sorgen mehr, da die Steilheit größtenteils moderat war und ich somit mit meinen Ski abfahren würde können. Ich habe meinen Rucksack aus Gewichtsgründen an der Hütte gelassen und nur Foto, Notfallsender und GPS für die Streckenaufzeichnung mitgenommen und dann die letzten Höhenmeter hinter mich gebracht. Was man nicht alles so an elektronischen Dingen mit sich herumschleppt dachte ich mir. Die Ski habe ich auf Grund der Steilheit in der Hälfte der letzten Strecke zurückgelassen und mich durch anfangs noch stellenweise knietiefen Schnee vorwärts gequält. Im oberen Teil wurde es dann so steil und eisig, dass ich um ein Haar die Steigeisen gebraucht hätte, welche aber fein verstaut im Rucksack an der ersten Hütte waren. Wie immer nach Murphys Gesetz: Was man mit hat, braucht man nicht und was man nicht mit hat, braucht man. Aber schlussendlich ging es grad so ohne.

Oben angekommen dachte ich, ich träume, sah die Hütte doch aus wie der Palast der Schneekönigin. Jetzt weiß ich auch warum die Hütte im Winter geschlossen ist, müsste man doch mit dem Eispickel erstmal eine Stunde lang die Türe freimeißeln.

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Dort oben zu stehen war einer der schönsten Momente meiner ganzen Reise überhaupt, da ich bis kurz vor Schluss Zweifel daran hatte, ob ich es bis ganz nach oben schaffen würde.

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Das isländische Wetter ließ mich gewähren, da es immer mehr aufklarte. Also hieß es rauf auf das Dach! Um sich im 10-Sekunden-Selbstauslöserzeitfenster dorthin in Pose zu begeben war nicht ganz so einfach.

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Von dort konnte ich bis hinunter zum Meer sehen, von wo ich gekommen war.

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Zur Rechten tauchte dann der Eyjafjallajökull Gletscher aus dem Nebel auf.

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Hinter mir konnte ich in Richtung Þórsmörk schauen in welcher Richtung auch die beiden neuen Krater Magni und Módi lagen, die leider unter Schnee begraben waren.

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Links von mir zeigte sich der Mýrdalsjökull Gletscher.

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Wie lange ich dort im schneidenden Wind auf dem Kamm verbracht habe, ich weiß es nicht mehr. Es war mit Sicherheit weit über eine dreiviertel Stunde, die Zeit schien still zu stehen.

Da die Zeit zum Aufbruch mahnte, stieg ich zurück und ließ die einzigartige Hütte hinter mir. Das ist der Blick zurück entlang meiner Auf- und Abstiegsspur. Von diesem Blickwinkel wirkt die Hütte noch surrealer als von Nahem.

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Zurück ging es dann dank der Ski recht zügig, trotz solchem wellig-hart gefrorenen Untergrund.

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Hier sind die guten Stücke ohne die die Nummer nicht möglich gewesen wäre.

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Einen einzigen Kameraden habe ich dann auf der Tour doch getroffen. Erst fast übersehen, weckte der kleine Kumpel dann meine Aufmerksamkeit in den einsamen Weiten.

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Es war ein Steinmann der auf einem gerade noch so aus dem Schnee ragenden Felsen über den im Hintergrund thronenden Mýrdalsjökull Gletscher wachte.

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Auch kurz vor der Rückkehr nach Skógar war ich weiterhin aufmerksam, wie die Entdeckung der recht skurrilen, natürlichen Schneeskulptur am Entfernungsanzeiger nach Skógar beweist, welcher mir meine baldige Ankunft verkündete.

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Pünktlich zum Sonnenuntergang war ich wieder wohlbehalten aber leicht erschöpft zurück am Parkplatz am Skógafoss. Ohne Pausen eingerechnet hatte  ich gute 6 Stunden hinauf auf den Kamm gebraucht und runter waren es ganz entspannte 2,5 Stunden gewesen.

Wie und mit welcher Ausrüstung ich die Tour durchgezogen habe, hatte sich als goldrichtig erwiesen – und das Wetter hatte mich gewähren lassen. Danke Island!

Ach ja hier zum Abschluss ein kleiner Schnappschuss von der Infotafel –  so sieht es an der Hütte im Sommer aus.

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Ein Gedanke zu “Fimmvörðuháls – Mein Weg zur Schneekönigin

  1. Hej hej,

    großartige Tour, meinen Glückwunsch! Wir waren heuer im Sommer auf dem Pass, im Rahmen einer längeren Trekkingtour. Wir hatten zwar auch einigen Schnee, aber das ganze jetzt im tiefsten Winter zu sehen, vor allem die vereiste Hütte, einfach großartig!

    Liebe Grüße
    Markus

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